Darum sind uns Autos (nicht) wichtiger als Flüchtlinge

Ein paar brennende Autos scheinen besser geeignet, eine politische Debatte anzustoßen als ertrinkende Menschen. Ein mehr als 350 Jahre altes Buch könnte dies erklären.

Von Dominik Brück

Dass ich die folgenden Zeilen schreibe, verdanke ich der ungewöhnlichen Aufmerksamkeit, die einer meiner Tweets in den vergangenen Tagen auf sich gezogen hat. Dass meine Aussage „Man könnte mal darüber nachdenken, warum brennende Autos zu mehr politischen Debatten führen als ertrinkende Flüchtlinge“ nicht nur zahlreiche Retweets, sondern auch eine Vielzahl an Kommentaren hervorgerufen hat, bringt mich dazu, genau das zu tun. Dabei ist die Idee entstanden, das aktuelle Thema der Gewalt während des G20-Gipfels in Hamburg und die anschließende Debatte über Innere Sicherheit mit einem Klassiker der Politischen Theorie zu erklären: dem britischen Philosophen Thomas Hobbes.

Im Folgenden werde ich natürlich nicht auf das gesamte Werk von Hobbes eingehen können. Meine Überlegungen stellen also Vereinfachungen seiner Theorien da. Zudem werde ich einige weiterführende Gedanken zur Arbeit von Hobbes nutzen, welche erst in den Jahrhunderten nach seinem Tod entstanden sind. Zentral für die Theorie von Hobbes ist sein 1651 veröffentlichtes Werk „Leviathan“. In diesem schafft der Philosoph vor dem Hintergrund des englischen Bürgerkrieges und des Dreißigjährigen Krieges die theoretische Legitimation für einen absoluten Staat, dessen Ziel es ist, Frieden unter den Menschen – also Sicherheit – zu schaffen. Hier finden wir den ersten Anknüpfungspunkt an die aktuelle Debatte: Rufen nicht einige Politiker und Bürger nach den Ereignissen von Hamburg nach genau diesem allmächtigen Leviathan? Besteht nicht seit Jahren schon die Tendenz, immer mehr Rechte bereitwillig an den Staat abzutreten, um im Gegenzug Sicherheit zu erhalten?

Ohne diese Fragen im Detail beantworten zu können, lässt sich unter Beobachtung politischer Debatten feststellen, dass Sicherheit wieder zu einem zentralen Interesse großer Teile der Bevölkerung geworden ist. Hier greift im Kern das Menschenbild von Hobbes, das den Menschen als rationalen Egoisten beschreibt, der streng nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip handelt, wobei der Nutzen stets an dem Wunsch gemessen wird, ein angenehmes Leben zu führen. Der Mensch ist also nicht – wie häufig fälschlicherweise angenommen – von Natur aus schlecht. Der Mensch ist einzig danach bestrebt, für sich bei möglichst geringen Kosten einen möglichst hohen Nutzen zu erzielen. Da bei Hobbes der vorstaatliche Naturzustand jedem Menschen das Recht auf alles zuspricht, Ressourcen aber grundsätzlich knapp sind, führt dies ohne Eingreifen des Leviathan, auf den die Menschen alle ihre Rechte übertragen, zu Unsicherheit und Krieg.

Es ist nicht davon auszugehen, dass die derzeitige Sicherheitsdebatte mehr als 350 Jahre nach Hobbes tatsächlich den absoluten Staat zu Ziel hat. Jedoch lässt die Herangehensweise des Philosophen einen interessanten Erklärungsansatz für das augenscheinlich höhere Interesse am eigenen Besitz in Abgrenzung zu notleidenden Menschen zu, der über die übliche These „Menschen interessiert nur, was vor ihrer Haustür passiert“ hinausgeht. Er erklärt, warum Menschen augenscheinlich mehr an ihren Autos als an den Flüchtlingen im Mittelmeer interessiert sind. Um diesen Ansatz zu verfeinern, möchte ich noch den amerikanischen Sozialwissenschaftler Jon Elster hinzunehmen.

Elster griff mit Blick auf das Menschenbild von Hobbes auf die Unterscheidung zwischen Präferenzen und Meta-Präferenzen zurück – auch als Wünsche erster und zweiter Ordnung bezeichnet. Unter dem griechischen Begriff der akrasia (Willensschwäche) erläutert Elster, dass der Mensch sich oft seiner Meta-Präferenzen bewusst ist, diese aber zugunsten seiner Präferenzen nicht verfolgt. Bezogen auf die Natur des Menschen bei Hobbes würde dies bedeuten, dass die Menschen sich zwar ihres Wunsches nach dem größeren Wohl des Friedens (Meta-Präferenz) bewusst sind, dieses aber hinter ihrer Präferenz nach einem angenehmen Leben zurückstehen muss – weshalb hier der Leviathan eingreifen muss.

Kommen wir mit dieser Erkenntnis zurück auf die brennenden Autos in Hamburg in Relation zu ertrinkenden Menschen im Mittelmeer. Auch hier möchte ich die These vertreten, dass der Mensch von Natur aus gut ist und als Meta-Präferenz den Wunsch zu helfen und Flüchtigen Schutz zu gewähren festlegen. Da seine Präferenz des angenehmen Lebens jedoch aufgrund seiner Willensschwäche dominant ist, bekommt für ihn der Schutz des eigenen Eigentums einen höheren Stellenwert, den er deutlicher nach Außen kommuniziert, als seine Meta-Präferenz.

Durch die deutlichere Artikulation seines Wunsches nach Sicherheit für sein Eigentum, wird auch die Intensität des politischen Diskurses bestimmt. Die höhere Intensität des Präferenz-Diskurses bedeutet jedoch nicht, dass die Meta-Präferenz nicht vorhanden ist. Ob der moderne Leviathan schließlich wie im Sinn von Thomas Hobbes zum Wächter der Meta-Präferenz wird, oder durch die Bedeutung der Präferenz für die Menschen zum alles beherrschenden Monstrum mutiert, ist eine weitere Frage, die ihre Aktualität nicht verloren hat – und weiterhin nach Ideen schreit, die helfen, das Biest zukünftig zu zähmen.

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