Natürlich ist alles politisch

Wer behauptet, kein Interesse an Politik zu haben, könnte ebenso erklären, zu atmen sei nicht so eine wichtige Sache.

Das Wort Politik funktioniert bei vielen Menschen als Gesprächsbremse: Sobald der Begriff fällt, scheint über Milieugrenzen hinweg in den meisten Köpfen ein Abwehrmechanismus in Gang gesetzt zu werden. Es geht dann nicht mehr darum, eine Diskussion zu führen, Informationen auszutauschen oder einfach nur ein bisschen zu plaudern. Kommt bei einem Gespräch Politik ins Spiel, geht es oft nur noch um eins: das Thema möglichst schnell zu wechseln. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein. Hat der eine Angst, aus Mangel an Fachwissen nicht mitreden zu können, sorgt sich der andere darum, dass eine schlechte Stimmung durch die harten Themen entstehen könnte. Dabei ist so manchem gar nicht bewusst, dass wir uns ständig und zu jeder Zeit mit Politik beschäftigen – auch wenn weder der Bundestag, noch Donald Trump Erwähnung finden.

Eine mögliche Definition von Politik ist, dass sie das geordnete Zusammenleben von Menschen regelt. Es geht also darum, unterschiedliche Individuen und Gruppen mit verschiedenen Zielen, Interessen, Einflüssen und Forderungen unter einen Hut zu bringen. So gesehen machen wir das jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen, wenn es darum geht, wer zuerst ins Bad darf. Schon in diesem kleinen Beispiel greifen Mechanismen und Prinzipien, die auch in der „großen“ Politik zu finden sind. Statt uns wie in der Steinzeit mit dem Recht des Stärkeren um den Badzugang zu prügeln – obwohl auch das in so mancher WG noch an der Tagesordnung ist – lösen wir das Problem politisch. So diskutieren wir zum Beispiel jeden Tag mit Sachargumenten darüber, wer dringender der Zugang zum Klo benötigt. Wir könnten den Prozess aber auch institutionalisieren und uns auf eine feste Reihenfolge für jeden Morgen einigen. Auch könnte der Einfluss der Beteiligten entscheiden und die Partnerin einfach aufgrund ihrer Person zur Königin des Bades erheben. Die Möglichkeiten für die Gestaltung des Zusammenlebens sind zahlreich – genauso wie weitere Beispiele, die belegen, dass Politik uns auf Schritt und Tritt begleitet.

Wenn wir keine Selbstgespräche führen, sprechen wir demnach immer über Politik. Der Kontakt zu anderen Menschen zwingt uns dazu, politisch zu sein. Wer sein Leben nicht einsam und allein in seinem Zimmer verbringen möchte, muss sich daher für Politik interessieren. Warum also nicht auch die „große“ Politik als natürlichen Teil unseres Alltags begreifen und als diesen behandeln? Mehr über alle Arten der Politik zu sprechen erschwert nicht das Leben, sondern macht es einfacher. Sich immer bewusst zu sein, dass die eigenen Handlungen im Großen und Kleinen politische Konsequenzen haben, lässt uns diese vielleicht öfter kritisch hinterfragen und trägt zu einem gesellschaftlichen Klima bei, in dem mehr gestaltet statt verwaltet wird. Die Folgen von politischem Desinteresse sind schließlich jedem von uns bekannt: Ohne politisches Denken drohen Konflikte in so manchem Freundeskreis schneller zu eskalieren, als die ein oder andere internationale Krise.

3 Kommentare

  • Interessant – hab ich so noch gar nicht drüber nachgedacht.

  • Als Erstes: Danke für den Artikel.

    Zählte mich bisher auch zu der Gruppe die Politik uninteressiert war. zumindest habe ich das immer vorgeschoben wenn es um, wie du es nennst, die „große“ Politik geht.

    Aber im Grunde ist es nicht mein Desinteresse (das ist nur vorgeschoben), sondern eher die Angst oder Scham zuzugeben, dass ich von den ganzen Zusammenhängen, Mechanismen, Vorgängen der großen Politik entweder keine Ahnung habe und / oder überfordert bin.

    Allein in der Schule war es schon ein Graus für mich zu lernen was Überhangmandate sind…
    Die Erklärung meiner Lehrerin sprang einfach nicht bei mir über.^^

    Zurück zu deinem Artikel.
    Er hat mir mal sehr anschaulich erklärt, was Politik eigentlich sein kann/ ist.
    Im Alltag gelebt, ohne dass es mir bewußt ist, dass dies schon Politik ist.

    Danke dir.
    Ich werde also demnächst nicht mehr sofort auf Durchzug stellen, sobald politische Themen größeren Ausmaßes mit mir kollidieren.

    • Danke für deinen Kommentar. Freut mich, wenn der Text dir weitergeholfen hat. Und mal unter uns: Wie Überhangmandate im Detail funktionieren muss ich auch immer wieder nachlesen 😉

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